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Schubertiana (Tomas Tranströmer, 1931-2015)

 

I

Im Abenddunkel auf einem Platz außerhalb von New York, ein Aus-

sichtspunkt, von dem aus man mit einem einzigen Blick die Woh-

nungen von acht Millionen Menschen umfassen kann.

Die Riesenstadt in der Ferne dort ist eine lange glitzernde Wehe, ein

seitlich gesehener Spiralnebel.

Drinnen im Spiralnebel werden Kaffeetassen über die Theke gescho-

ben, die Schaufenster betteln die Vorbeigehenden an, ein Gewim-

mel von Schuhen, die keinerlei Spuren hinterlassen.

Die kletternden Feuerleitern, die Fahrstuhltüren, die zusammenglei-

ten, hinter Türen mit Sicherheitsschlössern ein ständiger Stim-

menschwall.

Zusammengesunkene Leiber dösen in den Wagen der Untergrund-

bahn, den vorwärts rasenden Katakomben.

Ich weiß auch - ohne jede Statistik -, daß jetzt in irgendeinem Zim-

mer in der Ferne dort Schubert gespielt wird und daß für jemanden

diese Töne wirklicher sind als all das andere.

 

 

II

Die endlosen Weiten des Menschengehirns sind zur Größe einer

Faust zusammengeschrumpft.

Im April kehrt die Schwalbe in ihr Vorjahresnest zurück, unter die

Dachrinne von genau derselben Scheune, in genau demselben Ort.

Sie fliegt von Transvaal weg, passiert den Äquator, fliegt sechs Wo-

chen lang über zwei Kontinente, steuert genau diesen verschwin-

denden Punkt auf der Landmasse an.

Und derjenige, der die Signale eines ganzen Lebens in ein paar ganz

gewöhnliche Akkorde von fünf Streichern einfängt,

derjenige, der einen Fluß durch ein Nadelöhr strömen lassen kann,

ist ein dicker jüngerer Herr aus Wien, von den Freunden »Schwam-

merl« genannt, der mit aufgesetzter Brille schlief

und sich morgens pünktlich ans Schreibpult stellte.

Wodurch sich die wundersamen Tausendfüßler der Notenschrift in

Bewegung setzten.

 

 

III

Die fünf Streicher spielen. Ich gehe durch laue Wälder nach Hause,

der Boden federt unter mir,

ich ringele mich zusammen wie ein Ungeborenes, schlummre, rolle

schwerelos in die Zukunft hinein, spüre plötzlich, daß die Pflanzen

Gedanken haben.

 

 

IV

Auf wieviel wir uns verlassen müssen, um unseren Alltag leben zu

können, ohne durch die Erde zu sinken!

Uns auf die Schneemassen verlassen, die sich an den Berghang ober-

halb der Stadt festklammern.

Uns auf die Schweigeversprechen und auf das einverständige Lachen

verlassen, uns darauf verlassen, daß die Unglückstelegramme nicht

uns gelten und daß der jähe Axthieb von innen nicht kommt.

Uns auf die Radachsen verlassen, die uns auf den Motorgelenken mit-

ten in den dreihundertmal vergrößerten Bienenschwarm aus Stahl

tragen.

Aber nichts von dem da ist eigentlich unseres Vertrauens wert.

Die fünf Streicher sagen, daß wir uns auf etwas anderes verlassen

können. Und sie begleiten uns ein Stückchen auf dem Weg dorthin.

So, wie wenn im Treppenhaus das Licht ausgeht und die Hand - ver-

trauensvoll - dem blinden Geländer folgt, das durchs Dunkel führt.

 

 

V

Wir setzen uns eng zusammen vors Klavier und spielen vierhändig in

f-Moll, zwei Kutscher auf demselben Bock, es sieht ein bißchen

lächerlich aus.

Die Hände scheinen klingende Gewichte hin- und herzuschieben, so

als bewegten wir die Gegengewichte

und versuchten dadurch, das unheimliche Gleichgewicht des großen

Waagebalkens zu verschieben: Freude und Leid wiegen genau

gleich.

Annie sagte: »Diese Musik ist so heroisch«, und das stimmt.

Aber diejenigen, die neidisch auf die Männer der Tat schielen, diejeni-

gen, die sich innerlich selbst verachten, weil sie keine Mörder sind,

die erkennen sich hier nicht wieder.

Und die vielen, die Menschen kaufen und verkaufen und glauben, al-

les lasse sich kaufen, die erkennen sich hier nicht wieder.

Nicht ihre Musik. Die lange Melodie, die in allen Verwandlungen sie

selbst ist, mal glitzernd und weich, mal rauh und stark, Schnecken-

spur und Stahltrosse.

Das eigensinnige Summen, das uns gerade jetzt

die Tiefen

hinaufbegleitet.

 

Aus: Sämtliche Gedichte. Aus dem Schwedischen von Hanns Grössel

© 1997 Carl Hanser Verlag München Wien

 

 

 

 

 

© P.RHÉI

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