ER

ER/SIE

 

Aufnahmeprüfung bei Stockhausen

 

... Da ging plötzlich die Tür auf, und herein wie ein Sturmwind fegte ein kleiner Mann und stellte sich vor mich hin, mich von oben bis unten musternd. Er stand vor mir mit den Händen in den Rocktaschen, und ich sah in ein dunkles Gesicht mit grauem Bart und grauem Haar. Ein paar merkwürdige, stechende Augen blickten in die meinen, um den Mund lag ein spöttischer Zug.

»Sie sind also die Livländerin, die Frau Joachim mir empfohlen hat,« sagte er mit klangvoller Stimme. »Können Sie denn etwas?«

»Gar nichts,« sagte ich mit dem Mut der Verzweiflung. »Aber darum bin ich ja auch hergekommen. Ich will viel lernen.«

Die Antwort schien ihm Spaß zu machen, denn er lachte.

»Was haben Sie denn Gutes mitgebracht?«

»Die Winterreise,« war meine Antwort.

Er stürzte auf seinen Flügel, riß den Deckel auf, schleuderte ein paar Noten, die auf dem Klaviersessel lagen, weg.

»Schnell,« rief er, als ich verwirrt mit meinem Notenheft dastand, »worauf warten Sie eigentlich?«

Mit bebenden Fingern schlug ich die »Krähe« von Schubert auf. Stockhausen saß schon am Flügel und vertiefte sich in die Begleitung.

Mir fiel sofort der veränderte Ausdruck seines Gesichts auf, sobald die ersten Akkorde erklangen. Es wurde verklärt, schön und edel, die Augen verloren den stechenden Blick, der ganze Mann machte den Eindruck eines Entrückten. Ich übersah das alles mit Blitzesschnelle, und alle Angst wich von mir. Ich glaube, ich habe dieses Lied selten so schön gesungen wie damals: es ging von ihm eine Kraft aus, die mich trug. Als ich geendet hatte, nickte er.

»Weiter,« sagte er kurz. Nun schlug ich die »Letzte Hoffnung« auf. Ich sang es ebenso frei, wie das erste Lied. Nach dem letzten Akkord sprang er auf und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Dann hob er seine Hand gebieterisch.

»Knien Sie hin,« rief er, »auf der Stelle knien Sie hin und danken Sie Ihrem Gott. Sie haben etwas von Ihrem Schöpfer erhalten, was nicht viele haben. Sie haben eine Seele und können sie aussprechen, das kann Ihnen kein Lehrer geben. Aber Sie singen nicht einfach genug, Sie wollen zu viel. Sie wollen in jedes Wort einen Ausdruck pressen und überladen damit das Lied. Sehen Sie, so singt man so etwas.«

Und er setzte sich wieder an den Flügel, sein Gesicht verwandelte sich, es bekam wieder den merkwürdig weltentrückten Ausdruck, er bog den Kopf ein wenig in den Nacken und sang mir die »Letzte Hoffnung« vor.

Er sang mit der ganzen, erschütternden Selbstverständlichkeit, die ein großes, gereiftes Kunstwerk haben muß. Es war, als hätte er den tiefsten Herzschlag des Dichters und des Komponisten belauscht. Ich horchte atemlos, das war ja so einleuchtend, als könnte ein Kind das nachsingen.

»Jetzt singe ich's noch einmal,« rief ich hingerissen, als er geendet hatte.

»Nachgesungen wird hier nicht. Sie sollen Ihre Wege selbst finden.« ...

 

(aus "Mein Weg zur Kunst" von Monika Hunnius)

 

Auf dieser Seite betreiben wir Gender Studies...

 

Can this cycle, so deeply rooted in a man’s perspective, and typically sung by a baritone, be effectively sung by a woman? ... Can anyone seriously argue, in this day and age, that a woman cannot convey this cycle’s pain as incisively as a man?

 

(Auszüge einer Konzertbesprechung des Portland Press Herald)

 

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